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Gefahrenquelle TOTER WINKEL Der Konflikt zwischen Großfahrzeugen - z.B. Lkw, Bus - und insbesondere ungeschützten Verkehrsteilnehmern – z.B. Fußgänger, Radfahrer - zählt zu den gefährlichen und unfallträchtigen Situationen im Straßenverkehr. Da die Gefahrenbereiche vor, neben und hinter großräumigen Fahrzeugen vom Fahrzeugsitz nur eingeschränkt einzusehen sind, kann der Kraftfahrer Personen oder Sachen, die sich an bestimmten Positionen im Verkehrsraum aufhalten, bei Verkehrsvorgängen nicht erkennen. Bereiche, die vom Fahrer nicht einzusehen sind, befinden sich im TOTEN WINKEL. Dieses Phänomen ist zwar den meisten Lkw- oder Busfahrern, häufig aber nicht den Fußgängern und Radfahrern bekannt. Mit modernen Spiegelsystemen, die für bestimmte Fahrzeuge vorgeschrieben sind, werden bessere Sichtverhältnisse geschaffen. § 9 StVO - Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren (3) Wer abbiegen will, muss entgegenkommende Fahrzeuge durchfahren lassen, Schienenfahrzeuge, Fahrräder mit Hilfsmotor und Fahrräder auch dann, wenn sie auf oder neben der Fahrbahn in der gleichen Richtung fahren. Dies gilt auch gegenüber Linienomnibussen und sonstigen Fahrzeugen, die gekennzeichnete Sonderfahrstreifen benutzen. Auf zu Fuß Gehende ist besondere Rücksicht zu nehmen; wenn nötig, ist zu warten. Diese rechtlichen Vorgaben können nur beachtet werden, wenn etwa Fahrräder oder Fußgänger auch gesehen werden (können) und nicht im TOTEN WINKEL sind.   Erklär-Video des ADAC                               „Gefahren im Verkehr – der TOTE WINKEL“ Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=m3_VXwbFeD0 Sehen und gesehen werden – wohl nirgendwo sonst ist diese Devise wichtiger als beim Aufeinandertreffen von Lkw mit Radfahrern und Fußgängern in Kreuzungsbereichen. Übersieht ein Trucker beim Abbiegen die schwächeren Verkehrsteilnehmer im toten Winkel, können die Folgen katastrophal sein. Problembereiche Der TOTE WINKEL ist direkt vor dem Fahrzeug, hinter dem Fahrzeug, auf der linken Fahrzeugseite und auf der rechten Fahrzeugseite. Problematisch sind die Aufenthaltsräume nahe am Lkw, insbesondere auf der rechten  Fahrzeugseite. Die Rundumsicht ist bei den Fahrern trotz großer Front- und Seitenscheiben und der beifahrerseitig  standardmäßig mit drei Außenspiegeln (Haupt-, Weitwinkel und Rampenspiegel) ausgerüsteten Fahrzeuge nur eingeschränkt gegeben. Einen bestimmten Bereich entlang der rechten Fahrzeugseite und vor dem Fahrzeug kann der Fahrer nicht oder nur eingeschränkt einsehen. Halten sich z.B. Fußgänger, Inlineskater oder Zweiradfahrer im rechten oder hinteren Nahbereich von Lkw oder Bussen auf, befinden diese sich dabei möglicherweise außerhalb des äußeren Sichtfelds des Kraftfahrers. Besonders tückisch sind rechts abbiegende Lkw für Radfahrer, die etwa an einer Ampel direkt neben dem Führerhaus stehen oder auf einem begleitenden Radweg fahren. Nach Erkenntnissen aus der Unfallaufnahme und aus Unfalluntersuchungen können Radfahrer von der Fahrzeugfront rechts oder von der Fahrzeugseite rechts vorne erfasst werden. Eine Gefährdung geht auch vom hinteren Teil des Fahrzeuges aus. Da die Hinterräder aufgrund des kürzeren Weges beim Abbiegen eine andere Spur nehmen, kann der Radfahrer vom hinteren Teil des Fahrzeugs erfasst werden. Zum Zeitpunkt des Anfahrens ist der Radfahrer für den Fahrer im TOTEN WINKEL und damit nicht sichtbar. Dies gilt insbesondere auch beim Rückwärtsfahren.                                                                                      Gefahr beim Abbiegen Viele LKW-Radfahrer-Unfälle könnten vermieden werden, wenn … Ein Beispiel-Video der Unfallforschung der Versicherer (UDV – www.udv.de) Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=BCVGK2gxNW4 Auch auf mehrspurigen Fahrbahnen in eine Richtung kann der TOTE WINKEL zur Falle werden. Speziell beim Fahrstreifenwechsel werden Fahrzeuge direkt neben oder knapp hinter dem eigenen Lkw oder Pkw auch von aufmerksamen Fahrern häufig übersehen. Die Kollision mit einem Fahrzeug, das seitlich in gleicher Richtung fährt, ist häufig Unfallursache. Unfälle – aktuelle Erkenntnisse Im Jahr 2015 kam es in Deutschland zu 3226 Kollisionen zwischen Radfahrern  und Lkw. Dabei wurden 72 Radfahrer tödlich und 665 schwer verletzt. Nach Einschätzung der UDV (Unfallforschung der Versicherer) in Zusammen- arbeit mit der BASt (Bundesanstalt für Straßenwesen) geht dabei etwa ein Drittel der getöteten Radfahrer auf das Konto von Abbiegeunfällen. Fast alle dieser Unfälle erfolgten bei Tag und bei trockener Witterung mit Geschwindigkeiten in der Regel unter 15 km/h. Bei frühzeitiger Reaktion hätten die Beteiligten häufig noch halten und die Gefahrenzone verlassen können. Viele ältere Radfahrer waren davon betroffen, wobei diese Zielgruppe noch durch die zunehmende Nutzung von Elektrofahrrädern ansteigen dürfte. Weitere Informationen zu dieser Auswertung erhalten Sie auf den Seiten des UDV hier: Rundumsicht im PKW Beim PKW wird die Rundumsicht im Fahrzeug durch die breiten Dachsäulen (A-, B- und C-Säule), Mitfahrer auf den Beifahrer- und Rücksitzen oder etwa durch die Kopfstützen beeinträchtigt. Fußgänger, Radfahrer und  Motorradfahrer werden wegen ihrer schmalen Silhouette beim Blick in den Seitenspiegel schnell übersehen. Es bleibt, auch mit einem sogenannten asphärischen Außenspiegel, also weiterhin ein Bereich übrig, in dem sich diese „verstecken“ können. Der Schulterblick ist trotz Weitwinkelspiegel nicht überflüssig. Nutzfahrzeuge besonders betroffen Konstruktionsbedingt ist der TOTE WINKEL bei Lkw besonders groß. Dort fehlt  der Fahrerin bzw. dem Fahrer - anders als im Pkw oder bedingt bei Bussen - die freie Sicht durch die Scheiben nach unten. Je tiefer die Unterkanten der Front- und Seitenscheiben angesetzt sind, umso besser ist die Sicht nach außen.                                                                                                  Sichtfeldvermessungen des DEKRA im Auftrag der Bundesanstalt für Straßen- wesen (BASt) ergaben, dass ein Lkw-Fahrer – ohne entsprechende Spie- gelsysteme - die Fahrbahn erst in einer Entfernung von mehr als drei Metern vor dem Fahrzeug und in mehr als sieben Metern rechts neben dem Fahrzeug ausreichend einsehen kann. Mit vorgeschriebenen Spiegelsystemen werden deshalb TOTE WINKEL auf ein Mindestmaß reduziert. Spiegelsysteme Ausrüstungspflicht Kraftfahrzeuge müssen gem. § 56 StVZO mit Spiegel ausgerüstet sein, die so beschaffen und angebracht sind, dass der Fahrzeugführer nach rückwärts, zur Seite und unmittelbar vor dem Fahrzeug – auch beim Mitführen von Anhängern –  in allen Situationen die  für ihn wesentlichen Verkehrsvorgänge beobachten kann. Bild: Volvo FH Spiegel EU-Richtlinien 2003/97/EG – Einrichtungen für indirekte Sicht EU-Richtlinien 2007/38/EG – Nachrüstung von schweren Lkw mit Spiegeln Mit der Richtlinie 2003/97/EG wurden die Bestimmungen über die Typgenehmigung von Einrichtungen für indirekte Sicht entsprechend ausgerüsteter Fahrzeuge harmonisiert. Die neuen Vorschriften der Richtlinie 2003/97/EG wurden schrittweise zwischen 2005 und 2010 eingeführt und schreiben vor, dass neue Fahrzeuge mit einem System zur indirekten Sicht ausgestattet werden müssen, um den TOTEN WINKEL zu reduzieren. Diese Richtlinie gilt für Kraftfahrzeuge der Klassen M (Fahrzeuge zur Personenbeförderung) und N (Kraftfahrzeuge für den Güterverkehr). Danach müssen schwere Nutzfahrzeuge (Lkw) mit mehr als 3,5 t zGm (zul. Gesamtmasse), die nach dem 1. Januar 2000 zugelassen wurden, bis spätestens 31. März 2009 beidseitig mit Seitenspiegeln ausgestattet werden, die den seitlichen TOTEN WINKEL reduzieren. Dennoch lässt sich auch bei modernen Systemen der TOTE WINKEL nicht vollständig vermeiden. Trotz großer Front- und Seitenscheiben des Fahrzeugs sind der Rundumsicht auch bei standartmäßig drei rechten Außenspiegeln (Haupt-, Weitwinkel- und Anfahrspiegel), zwei linken Außenspiegeln und dem für Lkw über 7,5 t vorgeschriebenen Frontspiegel, Grenzen gesetzt. Die stark gekrümmten weitwinkeligen Spiegelflächen verzerren das Abbild von Personen oder Sachen und erschweren eine sichere Entfernungseinschätzung. Situations- oder fahrzeugabhängige Sichtbeeinträchtigungen sind ohnehin nicht gänzlich auszuschließen.  Spiegelarten nach § 56 StVZO und EU-Vorschriften Für die Verbesserung der indirekten Sicht rund um das Fahrzeug sind weitere Spiegelsysteme und technische Hilfseinrichtungen zur Verringerung des TOTEN WINKELS zulässig, sofern diese den Anforderungen der Richtlinie 2003/97/EG ent-sprechen (z.B. Kamera – Monitorsysteme, foto-optische oder akustische Sensorsysteme, Radar- Nahbereichssensoren, die dem Fahrer Informationen über das indirekte Sichtfeld vermitteln). Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die mittels Sensortechnik übermittelten akustischen oder optischen Daten das jeweilige Objekt nicht identifizieren können und die Gefahrenmeldung damit nicht weiter differenziert werden kann. Asphärische Spiegel und elektronische Assistenzsysteme Asphärische Seitenspiegel kombinieren einen leichten und einen extrem gewölbten Spiegelbereich. Dies ist an einer Trennlinie im Spiegelglas erkennbar. Wenn das Fahrzeug aus einem herkömmlichen Spiegel schon verschwindet, zeigt der asphärische Spiegel es noch so lange, bis es fast auf gleicher Höhe mit dem eigenen Fahrzeug ist. Seitlich angebrachte Rückfahrkameras mit Bildübertragung auf einen im Sichtfeld des Fahrers liegenden Monitor geben einen aktuellen Überblick der abgebildeten Verkehrssituation. Darüber hinaus bieten viele Hersteller Fahrerassistenzsysteme an, die den Fahrer beim Spurwechsel oder Abbiegen vor möglichen Kollisionen warnen. Beispiel Spurwechselassistent Erklär-Video von www.bester-beifahrer.de  Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=n7__WG9ZxNA  Über Umfeldsensoren überwacht der Spurwechselassistent den Bereich neben und hinter dem Auto. Setzt die/der Fahrer/in den Blinker, obwohl sich ein Fahrzeug auf der Nebenspur befindet oder sich mit hoher Geschwindigkeit nähert, warnt das System zum Beispiel über eine Anzeige im Seitenspiegel. Technische Neuheiten sind gut, sie ersetzen aber nicht den unverzichtbaren Blick über die Schulter beim Überholen und Rechtsabbiegen. Ausblick Die Entwicklungen zum automatisierten Fahren sind vielversprechend - elektronische Abbiegeassistenten sollen insbesondere bei Schwerfahrzeugen eingesetzt werden. Beispiele wurden bereits vorgestellt – siehe u.a. BLIND SPOT-ASSIST – neu entwickelter Abbiegesensor für Lkw hier Fresnel-Linsen werden bereits heute in einigen Fahrzeugen (insb. Lastkraftwagen) eingesetzt, um den TOTEN WINKEL zu reduzieren. Durch besondere Lichtbrechung kann der TOTE WINKEL besser eingesehen werden. Außerdem kann ein Pyrosensor bewegte Objekte an der abgestrahlten Wärme erkennen. Unser Fazit Wir gehen davon aus, dass es trotz der vorgeschriebenen Spiegelsysteme weiterhin nicht einsehbare Bereiche, also TOTE WINKEL, gibt. Abhandlungen, dass bei optimal eingestellten Spiegeln und äußerlich guten Rahmenbedingungen TOTE WINKEL gegen Null tendieren, wären zu beweisen. Grundsätzlich ist es schwierig, von der Fahrerposition aus alle Spiegel ständig ausreichend im Blickfeld zu behalten. Die Entwicklungen der Unterstützung durch Assistenzsysteme  insbesondere auch zur Vermeidung unfallträchtiger Situationen rund um den TOTEN WINKEL sind ausdrücklich zu begrüßen. Tipps für Fußgänger und Radfahrer Sich für andere Verkehrsteilnehmer sichtbar machen oder weit rechts hinter einem Lkw stehen bleiben und warten, bis dieser ganz abgebogen ist An einer roten Ampel mit dem Fahrrad besser hinter als neben einem Lkw oder Bus warten. Blickkontakt zum Fahrzeugführer herstellen. In den Spiegel des Fahrzeuges schauen: Sieht man den Lkw- oder Busfahrer im Spiegel nicht, wird man auch selbst nicht gesehen. Sieht man im Spiegel das Lenkrad und die Seitenscheibe der Fahrertüre, dann ist man auch für den Lkw- oder Busfahrer zu sehen. Anfahrbewegung von Kraftfahrzeugen beobachten. Beim Abbiegen durch Blick über die Schulter den rückwärtigen Verkehr beobachten, vor dem Abbiegen umdrehen, umschauen. Notfalls auf Vorrechte im Straßenverkehr verzichten. Abstand halten. Die Blinker eines Lkw befinden sich vorne und hinten am Fahrzeug. Dadurch ist es schwierig zu erkennen, ob der Lkw abbiegen möchte, insbesondere wenn der Lkw an den Seiten mit orangen Markierungsleuchten ausgestattet ist, die dauerhaft gemeinsam mit den eingeschalteten Scheinwerfern leuchten. Tipps für Kraftfahrer Problemzonen des fahrzeugeigenen toten Winkels bewusst machen. Nur richtig eingestellte Spiegel bieten eine gute Rundumsicht. Kein Rückwärtsfahren ohne Einweisungsposten. Ein aufmerksamer Beifahrer ist besser als das wirksamste Assistenzsystem. Abbiegen oder Spurwechsel immer nur nach Schulterblick. Vor dem Anfahren oder Abbiegen bereits den betreffenden vorderen und hinteren Verkehrsraum beobachten. Beim Rechtsabbiegen Spurverlauf der hinteren rechten Räder verfolgen. Asphärische Spiegel erschweren die Entfernungseinschätzung von Fahrzeugen oder Personen. Keine Sichtbeeinträchtigungen auf der Windschutzscheibe - Namensschilder, Wimpel, Aufkleber, Lichterketten, Plüschtiere oder sonstige Gegenstände haben im Sichtfeld des Fahrers nichts verloren. Dies gilt für Fahrer und Halter gleichermaßen. Ein bestimmtes Sichtfeld ist detailliert vorgeschrieben. Anforderungen an den Kraftfahrer Die Ausrüstung der Lkw mit modernen Spiegelsystemen nützt wenig, wenn der Kraftfahrer den ihn umgebenden Verkehrsraum nicht konzentriert beobachtet. Nur bei gleichzeitiger Aufmerksamkeit des Kraftfahrers und vorsichtigem Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer kann den Gefahren des TOTEN WINKELS wirksam begegnet werden.
Abbildung: Begleitheft zur Radfahrausbildung in Baden-Württemberg
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 Bild: LKA-KEV